La Graciosa, die achte Insel: Wohnen in Caleta de Sebo zwischen dem Schutz des Chinijo-Archipels und dem Druck des Tagestourismus
In Caleta de Sebo, dem Hauptort von La Graciosa, gibt es weder asphaltierte Straßen noch Gebäude mit mehr als zwei Stockwerken. Die Sandstraßen und die weißen Häuser im maritimen Stil bilden eines der eigentümlichsten Stadtbilder der Kanaren. Doch hinter dieser Postkartenidylle verbirgt sich ein winziger und zunehmend angespannter Immobilienmarkt: Mit rund 700 Bewohnern und einem Bestand von nur wenigen Hundert Häusern sieht sich die achte Insel einem wachsenden Druck ausgesetzt, der vor allem in Form von Tagestourismus aus Lanzarote kommt.
Ein Bestand, der kaum wachsen kann
La Graciosa gehört zum Naturpark Archipiélago Chinijo und zu einem Meeresschutzgebiet, und seine Bebauung unterliegt einem strengen Schutzrahmen, der gemeinsam von der Regierung der Kanaren, dem Cabildo von Lanzarote und dem Rathaus von Teguise, der Gemeinde, zu der die Insel gehört, verwaltet wird. Das Ergebnis ist, dass die für neuen Wohnraum verfügbare Fläche minimal und die Erweiterungen des Ortskerns nur vereinzelt sind. Jedes Bauvorhaben unterliegt Genehmigungen, die sich über Jahre hinziehen können.
Diese Zurückhaltung hat den Charakter des Dorfes bewahrt, aber auch das Angebot eingefroren: Laut Immobilienportalen stehen selten mehr als drei oder vier Immobilien gleichzeitig zum Verkauf, mit Preisen, die für einfache eingeschossige Häuser deutlich über 250.000 Euro liegen.
Die Auswirkung des Tagestourismus
Jeden Tag setzen die Fährgesellschaften von Órzola aus Hunderte Besucher über – in der Hochsaison sprechen Branchenquellen von über 1.000 Personen täglich –, die die Inselbevölkerung für einige Stunden verdoppeln oder verdreifachen. Dieser Strom trägt die lokale Wirtschaft aus Restaurants, Fahrradverleih und Ausflügen, hat aber auch die Attraktivität der Ferienvermietung in die Höhe getrieben: Ein erheblicher Teil des Ortskerns wird bereits als Ferienwohnung vermarktet, was Bewohnern und Saisonarbeitskräften, die eine Unterkunft benötigen, Optionen entzieht.
Ganzjährig auf der achten Insel leben
Für die Familien von La Graciosa ist die Gleichung schwierig: Junge Menschen, die sich selbstständig machen wollen, konkurrieren um eine Handvoll Häuser mit auswärtigen Käufern und mit der touristischen Rendite. Die Verwaltungen haben Lösungen wie die Sanierung bestehender Häuser und die Reservierung der wenigen verfügbaren Grundstücksflächen für Anwohner vorgeschlagen, doch der Spielraum ist gering.
Branchenquellen fassen das Dilemma zusammen: La Graciosa muss entscheiden, wie es ein lebendiges Dorf bleibt und nicht nur eine Kulisse wird. Der Schutz des Chinijo-Archipels hat die Landschaft gerettet; die Herausforderung besteht nun darin, dass er auch jene schützt, die dort leben, wenn das letzte Boot des Tages ablegt.



